Die Apostelkirche

Sonderdruck aus der Zeitschrift

„Unser Bocholt“ Heft 1/1968)

 

Des Tages Herold laut schon ruft,

Tiefdunkler Nacht stets treue Wacht,

Sein Ruf weckt auf den Morgenstern,

Daß sich des Himmels Dunkel teilt;

Beim Hahnenschrei zieht Hoffnung ein,

Dem Kranken Heilung freundlich naht,

Der Räuber scheu des Dolch verbirgt,

Wer fiel, kehrt heim zum Gnadenpfad.

Aus den „Laudes“

 

An der Kirchentür finden wir zwei Bronzereliefs, welche die beiden Be­rufungen, die des Alten und die des NeuenTestamentes, zum Inhalt haben.

Die Berufung im Alten Testament wird durch die Geschichte von Moses verkörpert, wie ‚er am Berge Horeb das Gesicht des brennenden, aber nicht vom Feuer verzehrten Busches erlebt und von Gott dazu erwählt wird, sein Volk als das Volk Gottes aus der ägyptischen Gefangenschaft und Knechtschaft zu führen (2. Mos. 3). In dieser Geschichte ist uns das vorbildliche Gebot gegeben, dem Herrn zu folgen, auch wo es. nach menschlichem Ermessen keinen Weg gibt. Dafür ist der flammende, aber nicht verbrennende Busch das Sinnbild.

Das Bild der Berufung im Neuen Testament ist die Fußwaschung (Joh. 13). Mit diesem Beispiel hat der Herr gezeigt, daß wir unseren Nächsten tun sollen, so wie er den Jüngern getan hat. Während das Alte Testament die Aufgabe als eine im Bild verhüllte zeigt, ist im Neuen Testament das un­mittelbare Tun als Vorbild dargestellt.

 

Der Jerusalem – Leuchter

Im Gegensatz zu dem Bilde der tiefsten Erniedrigung des Herrn am Kreuz erhebt sich über dem Altar der große Jerusalem-Leuchter, Sinnbild der glanz- und lichtvollen Herrlichkeit Gottes. Um das Werk gut zu verstehen, muß man sich in die Stelle über das „neue Jerusalem“ vertiefen, die als Vision im 21. Kapitel der Offenbarung des Johannes aufgezeichnet ist. Der Jerusalem-Leuchter beherrscht den ganzen Kirchenraum als Bild der Erwartung und Hoffnung auf die Wiederkunft unseres Herrn.

Auf dem Altar steht das Kruzifix zur steten Erinnerung an den ‚Tod des Herrn. Die vier Leuchter sind mit besonderem Bezug auf den Namen der Kirche als Apostelleuchter ausgebildet. Auf diese Weise entstand eine sonst nicht allgemein verwendete Form, die das vom Kreuz ausgehende Apostolat unterstreicht (vgl. 1. Kor. 11, 26 und Matth. 5, 14).

Der durch die Mittelachse bestimmte Kirchenraum zeigt eine Fülle von feinen Asymmetrien und eine durch die Schrägen der Dachbalken jede Starrheit vermeidende Haltung. Die vier Hauptstücke, der Altar, der Taufstein, der Radleuchter (Jerusalem-Leuchter) und die Orgel sind auf die Mittelachse ausgerichtet.

Der durch die Kirchentür Eintretende ist der auf den Weg Gerufene. Im gottesdienstlichen Raum ist der Weg auf den Altar ausgerichtet. Der „Tisch des Herrn“ steht immer vor den Augen dessen, der den Gottes­dienst besucht. Seine Stellung in der Mittelachse ist schon in den ersten Zeiten christlichen Bauens üblich gewesen. Nach alter Tradition der Kirche ist der Altar ein Steintisch. Der „Tisch des Herrn“ in der Apostel-Kirche ist aus dunkelgrauer Niedermendiger Basaltlava gefertigt. Die Tischplatte besteht nach alter Sitte aus e i n e m Stück. Sie ist – ebenfalls nach altem Brauch – mit den Paramenten bekleidet. Ihr wichtigstes Kleid ist das leinene Altartuch, das den Mahlcharakter hervorhebt. Die nach den Zei­ten des Kirchenjahres wechselnden vorderen farbigen Behänge, die Ante­pendien, sollen bei aller zeitlich gleichbleibenden Bedeutung des heiligen Abendmahls die Vielgestalt der evangelischen Verkündigung zum Aus­druck bringen.

„Eine in den Dienst Gottes genommene. Orgel ist nicht um ihrer selbst, nicht um der Tonkunst willen da; ihr Klangkörper ist vielmehr einbe­zogen in die Zwecke Gottes und damit zur Verkündigung und zum Preise seiner Wirklichkeit und Wirksamkeit bestimmt“ (Dietz, Unser Gottesdienst).

 

 Der Taufstein

Der Taufstein ist, wie der Altar, aus dunkelgrauer Basaltlava gearbeitet. Er hat, seinem Sinn entsprechend, einen besonderen Platz im Kirchenraum. Die Taufe als der sakramentale Vollzug der Aufnahme in den Raum der christlichen Kirche gehört, wie‘ besonders die Geschichte des Kirchen­baues lehrt, an den Eingang des Gotteshauses. Der Weg in das Innere des Gotteshauses führt an diesem Ort der Initiation, der Eingliederung in das Sterben und das neue Leben Christi, vorüber und ist somit eine sinnvolle Erinnerung an die Taufe als den notwendigen Eingang in das Heilige.

 

Das Jona Fenster

Hinter dem Taufstein ist das Jona-Fenster sichtbar. Die Geschichte des Propheten Jona, der von dem großen Fisch verschlungen und nach drei Tagen ans Land gespien wurde, ist schon früh als Vor-Bild,vom gekreuzigten, zum Totenreich niedergefahrenen und am dritten Tage auferstan­denen Christus aufgefaßt worden.

 

Die Kanzel und das Lesepult

„Das Podium, der Rednerplatz, von dem aus gepredigt wird, heißt Kanzel, weil sie sich einst an den cancelli, den Chorschranken, befand, also da, wo in den alten Kirchen der Chorraum mit dem Schiff der Gemeinde zusammenstieß. Heute rücken wir die Kanzel nahe an die Gemeinde heran, weil es ja eben darum geht, ihr Gottes Wort ,nahe zu bringen‘. Dabei. soll die Kanzel nicht als Predigtplatz einen besonders beherrschenden Mittelpunkt des Raumes bilden, weil das Wort des Predigers nicht höher steht‘ als das bereits verlesene Schriftwort. . . .

Neben der Ortswahl ist entscheidend die Bibel auf der Kanzel, aus der der Predigttext gelesen wird und die anschließende Verkündigung für die Gemeinde in ihrer Lage erfolgt. Diese Hauptaufgabe der Kanzel erfordert u. E. eine gewisse zurückhal­tende. Schlichtheit ihrer Gestaltung. Umso besser erfüllt sie ihren Zweck“

(Nitschke, Im Hause des Herrn).

„Die Lektionen der Heiligen Schrift erfolgten sowohl in der alten, mittel­alterlichen wie in der reformatorischen Kirche in der Regel nicht vom Altar aus. Der Altar ist der Tisch des Herrn und die Stätte des Gebetes. … Für die liturgischen Schriftlesungen gab es das Lektionar‘

(zu deutsch ,Lesebuch‘), das seinen Platz auf dem Lesepult hatte. … Das Lesepult steht zu Füßen des Altars, seitwärts desselben…. Nach Möglichkeit sollten auch heute die Schriftlesungen von einem Lesepult aus verlesen werden. Man unterschätze nicht die zeichenhafte Bedeutung des Ortswechsels (Altar – Lesepult)! Sie macht nämlich sinnenfällig: Die Lektionen sind innerhalb der Liturgie etwas Anderes, Neues, etwas, was sich von den Gebeten, die am Altar vollzogen werden, wesensmäßig unterscheidet“ (Dietz, Unser Gottesdienst).

 

Die Taufschale ist aus Kupfer in handgeschlagener Arbeit hergestellt. Das Bild der Taube, des Heiligen Geistes, ist in vertieften Linien einge­meißelt und verzinnt.

 

 

Der Osterleuchter

Der Bischof, ein Sohn unserer Stadt Bocholt und mit ihr bis heute eng ver­bunden, wollte in dem Leuchter einen Spruch der Bibel, Psalm 104, Vers 30, gebildet wissen: „Sende aus, o Herr, Deinen Geist, so werden sie ge­schaffen, und Du erneuerst das Antlitz der Erde.“ Auf seinen besonderen Wunsch wurde das Psalmwort in lateinischer Sprache wiedergegeben: „Emitte Spiritum Tuum et creabuntur et renovabis faciem terrae.“

Bischof D. Hermann Kunst D. D. schenkte der Apostel-Kirche einen Oster­leuchter. Zu Ostern hat er seinen Platz nahe dem Altar. Bei jeder Taufe steht er am Taufstein; dann soll seine Kerze als Osterlicht angezündet werden, um auszusagen, daß in der Taufe, „so wir samt ihm gepflanzt werden zu gleichem Tode, wir auch seiner Auferstehung gleich sein wer­den“ (Röm. 6).

Dieser Vers erinnert an die letzten Kriegstage in Bocholt, als der Bischof s. Z. als Divisionspfarrer das Lazarett in dem Kloster vom Guten Hirten zu betreuen hatte. Dort erlebte er, wie eine ökumenisch eingestellte fromme Ordensschwester evangelischen Verwundeten Andachten aus einem evangelischen Andachtsbuch hielt. Das hinterließ einen tiefen Ein­druck. Weiter sprach diese Ordensfrau vertrauenswürdige Menschen auf den Psalmvers 104, 30 an und ließ sich von ihnen versprechen, angesichts aller sie umgebenden Zerstörung und Vernichtung wenigstens einmal jeden Tag diesen Psalmvers zu beten. Der Gebetskreis dieser Ordensfrau war damals eine Macht des Lichtes und des Lebens inmitten von Tod und Vernichtung. Der Divisionspfarrer Kunst nahm dieses Psalmwort als letz­tes Wort aus Bocholt mit, als man abrücken mußte und Bocholt wenig später in Trümmer sank.

Mit dem Psalmwort wollte Bischof Kunst jener Tage im Lazarett des Klosters vom Guten Hirten gedenken und in Verbindung mit dem neuen Leuchter in der Apostel-Kirche in unserer Zeit ein „ökumenisches Zeichen“ aufrichten.

Nicht zuletzt wurde der Leuchter zum Gedenken an die Gefallenen ge­stiftet. Kriege sind immer, wenn wir sie recht verstehen, Vor-Zeichen des Endes und des Gerichtes wie es uns das Matthaeus-Evangelium im 24. Kapitel sagt: „Das muß zum ersten alles geschehen“, nämlich Krieg und Kriegs­geschrei. Kriege aber kommen aus dem Unfrieden und damit letztlich vom Bösen her. Deswegen finden sich am Fuß des Osterleuchters drei Darstellungen biblischer Berichte, die vom Bösen erzählen.

Zuerst Kain und Abel, die Geschichte vom Brudermord, dem schlechthin bösen menschlichen Töten. Dann die Erzählung, von_ den „unschuldigen Kindlein“, die Geschichte vom politischen Mord des Herodes aus Angst um die Königsmacht, und schließlich die Erzählung, von Stephanus, dessen Steinigung den Bekennermord des Gotteszeugen darstellt.

Es sind also das erste ganz böse Tun des gefallenen Menschen, der erste Versuch, die Erlösung des gefallenen Menschen mit Gewalt zu verhin­dern, und das erste Martyrium dessen, der um der Botschaft von der Er­lösung willen getötet wird, in den Plastiken darstellt.

Mit all diesen Gewalttaten ist Not und Trauer verbunden. Sie kommt stell­vertretend zum Ausdruck in der klagenden Mutter bei der Darstellung

des Kindermordes, von der das Evangelium mit dem Jeremias-Zitat sagt: „Rahel beweinte ihre Kinder.“

Die Darstellungen der drei bösen Taten als der des Gottesgerichts schul­digen Taten stehen „ganz unten“, am Fuße des Leuchters. Sie sind der Ausdruck des erlösungsbedürftigen Menschen. Über ihnen steht im Psalm­wort am Schaft des Leuchters die Bitte um Erlösung.

„Ganz oben“, unterhalb der Tropfschale, sind drei Figurengruppen aus der Auferstehungsgeschichte des Evangelisten Johannes zu sehen.

Zuerst: Christus, der Auferstandene erscheint Maria Magdalena. Es ist die Erzählung vom „Noli me tangere“, „Rühre mich nicht an“. Der erste ganz glaubende Mensch, der die Erlösung von allem Bösen durch den aufer­standenen Gekreuzigten ohne jeden Zweifel ganz unmittelbar im Glauben hinnimmt, wenn auch mit der Schreckgebärde der plötzlichen Umwendung vor dem Unerhörten! Aus der Weinenden wird die getröstet Glaubende. Diese Maria, die es erfährt, wie das Leben aus dem Tode kommt, ist ein Gegenbild zur verzweifelten Mutter Rahel.

Das zweite Bild: Der Auferstandene bläst den Jünger mit dem Heiligen Geist an, dem Pfand seines Friedens, und sendet ihn in die Welt – als Bild kaum darstellbar, aber es durfte nicht fehlen.

Die dritte Gruppe: Christus und Thomas, die Heilung des Zweifelnden, dem im Gegensatz zu Maria Magdalena angeboten wird, den auferstan­denen Herrn zu berühren. Anders im Vergleich zu vielen Darstellungen wird hier nicht die Berührung gezeigt, wie es dem Wortlaut des Evan­geliums entspricht, sondern allein die demutsvolle Gebärde des Glauben­den: „Mein Herr und mein Gott.“

So stehen siegreich die drei Zeugnisse der ersten Begegnungen mit dem auferstandenen Herrn als Trost und Hilfe für alle Menschen in der Trauer und Bedrängnis der Welt.