Die Glaubensspaltung während der Reformation des 16. Jahrhunderts teilte die abendländische Christenheit leider in eine katholische und evangelische. Seit einigen Jahrzehnten ist man wieder auf der Suche nach der Einheit. Dieses Bemühen nennt man Ökumenische Bewegung. In vielen Glaubensfragen blieb die Einheit trotz Spaltung erhalten, in anderen wurde sie wieder entdeckt:
- der Glaube an Gott, an seinen gekreuzigten und auferstandenen Sohn Jesus Christus, und an den Heiligen Geist
- die Heilige Schrift als Wort Gottes
- die Taufe auf den Namen des dreieinigen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
- der Glaube, dass wir von Gott geliebt und angenommen werden nicht aufgrund eigener Leistung, sondern allein aus Gnade
- der Glaube, dass Gott durch den Hl. Geist unsere Herzen erneuert und uns zu guten Werken befähigt
- der Glaube, dass Christus in der Eucharistie/im Abendmahl wirklich gegenwärtig ist
- der Glaube, dass Gott uns das ewige Leben schenken will.
- das Apostolische Glaubensbekenntnis, das “Große Glaubensbekenntnis” (der Konzile von Nikaia 325 und Konstantinopel 381), die Feier des Sonntags, viele Feste, Gebete, Lieder, etc.
- der vielfältige Einsatz für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung
Freilich gibt es auch viele Unterschiede. Aber nicht alles, was verschieden ist, muss die Kirchen trennen. Unterschiede in den Gottesdienstformen, in den theologischen Schwerpunkten und in den Kirchenordnungen können auch eine gegenseitige Bereicherung sein. Die gewünschte Einheit der Christen will diese bunte Vielfalt nicht beseitigen. Das Ziel der Ökumene ist nicht eine “uniforme Superkirche”, sondern die “versöhnte Verschiedenheit” der Konfessionen.
Was wirklich (noch) trennt:
Im katholischen Kirchenverständnis ist der Papst der “Nachfolger des hl. Petrus” und als solcher von Christus zum obersten Schlüsselträger und Hirten der Kirche bestimmt (vgl. Mt 16,18f; Joh 21,15-17). Nach dem Dogma der Unfehlbarkeit ist eine Entscheidung des Papstes ex cathedra für alle katholischen Christen bindend. Diesen Anspruch lehnen die Evangelischen (und auch die Orthodoxen) ab.
Nach katholischer (und orthodoxer) Überzeugung erhalten die Geistlichen im Weihe-Sakrament (lateinisch Ordo, deutsch meist “Priesterweihe”) von Gott für immer eine besondere Prägung. Die Weihe bevollmächtigt sie zu einem Dienst, der sich von den Aufgaben und Diensten der übrigen Getauften wesentlich unterscheidet. Nach katholischer (und orthodoxer) Überzeugung kann diese Weihe nur von Bischöfen, die auch ihrerseits wieder von Bischöfen geweiht worden sind, gültig weitergeben werden. Diese “Weihekette” lebendiger Zeugen geht bis auf die Apostel zurück (apostolische Sukzession). Außerdem ist der katholische Prieser zur Einhaltung des Zölibates, d.h. der Ehelosigkeit, verpflichtet.
Die Evangelische Kirche lehnt diese “sakrale” Sicht des geistlichen Amtes ab. Sie sieht im Amt des Hirten keine Weihe, sondern “nur” eine (allerdings von Gott gewollte) Funktion, die die Gemeinde jemandem übertragen kann. Den alten (vorreformatorischen) Kirchen ist das “zu wenig”, ihnen fällt es daher schwer, das geistlische Amt der Protestanten voll anzuerkennen.
Nach katholischer (und orthodoxer) Lehre kann bei der Eucharistiefeier nur ein geweihter Priester Brot und Wein konsekrieren (= segnen und austeilen). Nach evangelischer Auffassung kann im Prinzip jede/r Getaufte das Abendmahl konsekrieren. Es besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen der Vollmacht eines Pfarrers (Pastors)und der eines (nur) Getauften. Um Unordnung zu vermeiden, soll jedoch auch nach evangelischer Kirchenordnung ein geistlicher Amtsträger das Abendmahl leiten.
Katholische (und orthodoxe) Christen glauben, dass Christus auch nach der Messe im eucharistischen Brot und Wein gegenwärtig bleibt. Für Evangelische wird das, was vom Abendmahl übrigbleibt, wieder zu gewöhnlichem Brot und Wein.
Die katholische (und orthodoxe) Kirche kennt sieben Sakramente (=Geheimnisse, in denen sich Gott besonders als Gegenwärtig zeigt), die evangelische Kirche erkennt nur die Taufe und das Abendmahl (Eucharistie) als Sakramente an (Trauung, Konfirmation, Übertragung des geistlichen Amtes etc. sind für sie nur Segnungen, aber keine Sakramente!) Nach evangelischer Auffassung gelten als Kriterien für ein Sakrament:
- es muss von Jesus Christus durch ein ausdrückliches Stiftungs- bzw. Verheißungswort eingesetzt sein
- es muss mit einem sichtbaren Zeichen verbunden sein
Das erste Kriterium wird nach evangelischem Verständnis für Ehe, Salbung, Firmung und Weihe nicht erfüllt.
Evangelische lehnen die Verehrung Marias und der Heiligen ab, weil sie befürchten, dass dadurch Gottes Ehre geschmälert wird. Katholische (und orthodoxe) Christen verehren in den Heiligen das vielfältige Wirken Gottes, der zu allen Zeiten Menschen in seinen Dienst gerufen hat. Die beiden katholischen Mariendogmen – besondere Erwählung (“Erbsündefreiheit”) und Vollendung Marias (“Aufnahme mit Leib und Seele in den Himmel”) – sind nach evangelischer Ansicht unbiblisch. Katholische Christen sehen darin eine legitime Entfaltung des biblischen Glaubens.
Die rechte Auslegung der Hl. Schrift ist nach katholischer Lehre durch die ununterbrochene Glaubenstradition des Gottesvolkes und durch das kirchliche Lehramt garantiert. Evangelischer Glaube hält die Hl. Schrift allein für klar genug, um daran alle Lehren zu überprüfen (Hl. Schrift legt sich selbst aus).
Die Gemeinschaft der Kirche spielt für Katholiken eine viel wichtigere Rolle als für Evangelische. Sie ist für katholische Christen Sakrament des Heiles, d. h. Zeichen und Werkzeug Gottes in der Welt.
Beim unterschiedlichen Kirchenverständnis muss man wissen, dass es bei Evangelischen und Katholischen um eine unterschiedliche Wahrnehmung von Kirche geht:
• Wenn ein Evangelischer von seiner Kirche spricht, meint er in der Regel seine Kirchengemeinde. Der Katholik dagegen meint mit „ Kirche“ seine Institution, und er denkt dabei nicht nur an das deutsche Gebiet, sondern schließt stets Rom mit ein.
• Noch deutlicher wird es beim Begriff „Ortskirche“:
Für die evangelische Gemeinde ist ihre Gemeinde vor Ort die “Ortskirche”.
In der katholischen Kirche versteht man das Bistum als “Ortskirche”.
Für das evangelische Kirchenverständnis ist die gottesdienstliche Gemeinde, die sich am Sonntagmorgen um Wort und Sakrament versammelt, ganz Kirche (Confessio Augustana (Augsburger Bekenntnis), Artikel VII). Hier findet ein Christ alles, was er für sein Heil bedarf.
Römische Katholiken werden sagen: Ja, aber die gottesdienstliche Gemeinde ist nicht die ganze Kirche!
Katholisches Kirchenverständnis fragt nach der Kontinuität, nach dem Zusammenhang:
Wie hängt die jetzige Kirche mit Christus und den Aposteln zusammen? Und: Was verbindet die Gemeinden weltweit zur Gesamtkirche?
Es geht also der römisch-katholischen Kirche um zeitlichen und räumlichen Zusammenhang und darum um die Einheit der Kirche.
Das katholischen Kirchenverständnis sagt:
Jesus Christus hat die Kirche gestiftet. Dass Kirche ist, ist der Wille Christi.
Diese Kirche – die katholische Christen im Glaubensbekenntnis bekennen – ist eine, heilige, katholische (= allumfassende), apostolische (= auf den Aposteln aufbauende) Kirche. Die Lehren der römisch-katholischen Kirche gelten auf der ganzen Welt. Die Folge ist, dass auch im Zeitalter von AIDS und Hunger in Afrika Empfängnisverhütung verboten ist.
Den Vorwurf müssen sich evangelische Kirchengemeinden gefallen lassen, dass sie nicht so oft über den Tellerrand hinausschauen, obwohl es eine Evangelische Kirche in Deutschland gibt (www.ekd.de).
Für Evangelisches Verständnis ist es jedoch wichtig, dass jede Kirchengemeinde aus ihrer besonderen Verantwortung die Entscheidungen trifft, die für sie wichtig sind.
Im Blick auf die Innenausstattung der Kirche ist der Innenraum katholischer Kirchen ist oft sehr prachtvoll ausgestattet. Man findet fast überall 12 Apostelkreuze. Evangelische Kirchen sind innen zumeist einfacher gestaltet und verzichten auf pompöse Ausstattung.